Der Norden Faeruns ist eine raue, dünn besiedelte Landschaft. Die Verwüstungen der Zeit der Verzweiflung haben hier weniger Schaden angerichtet als in den südlichen Teilen des Kontinents und viele Flüchtlinge aus den Herzlanden und weiter südlich liegenden Landen haben in den unwirtlichen Tundren, Hügeln und Tälern des Nordens eine neue Heimat gefunden.
Im Norwesten des Landes liegt das Eiswindtal, wo winzige Siedlungen und einzelne Gehöfte den frostigen Winden des Ewigen Gletschers trotzen und ein rauher und trotziger Menschenschlag dem Boden karge Ernten entlockt. Im Winter ist dieses Land drei Monate lang in ewige Nacht getaucht und die Bewohner suchen Zuflucht in ihren befestigten Langhäusern. Erst mit der Frühjahrssonne, die mit ihren ersten Strahlen den Grat der Welt in rötliches Gold taucht und den tiefgefrorenen Boden erwärmt, beginnt das Leben wieder. In den Sommermonaten können die Bewohner des Eiswindtals weit im Westen über die Große Eissee sehen und erkennen in der nebligen Ferne den Eisgipfel, einen riesigen monolitischen Berg, zu dessen Füßen eine lose Gemeinschaft von kleingewachsenen, nomadisch lebenden Männern und Frauen lebt. Die Eisjäger sind vor allem dafür berühmt, in kleinen Kajaks auf die Jagd nach dem riesigen Blauen Wal zu gehen, der in den Sommermonaten durch die Meerenge nach Norden zieht.
Östlich und nördlich des Eiswindtals liegt die See des endlosen Eises, eine unerforschte und wüste Landschaft von Gletschern, Eisspalten und Schneewehen. Östlich der Siedlung Hundsfels, wo sich der Eisstrom ins Meer ergießt, erheben sich die blaugrauen Gipfel des Grats der Welt wie Wächter über das Land und schützen die südlich liegenden Länder vor den unerträglichen Eiswinden der nördlichen Gletscher. Der Grat der Welt erstreckt sich von der Großen Eissee im Westen bis zur Anauroch im Osten. Diese riesige Wüstenlandschaft ist die natürliche Grenze im Herzen Faeruns, die die sicheren Lande des Westens von den finsteren Reichen im Osten trennt. Nur die Schwarze Straße durchzieht, überwacht von den Schwarzen Zitadellen der Zhentarim, die felsige weglose Ödnis.
Im Süden des Grats der Welt herrscht gemäßigteres Klima vor. Die Landschaft wird dominiert von Hartholzwäldern - wie dem Hohen Forst, dem Lauernden Wald, dem Mondholz und dem Wald von Niewinter - Mooren und ausgedehnten Sumpflandschaften wie dem Immermoor und dem Hohen Moor, sowie ungezählten namenlosen Hügeln, Felskämmen und schroffen Tälern. In diesen Tälern mit ihrer schweren schwarzen Erde, haben sich die meisten Bewohner der nördlichen Lande niedergelassen. Teils seit uralter Zeit besiedelt, teils auch erst von Flüchtlingen und ihren Erben in der Zeit der Verzweiflung erbaut, sind es kleine Siedlungen, Wehrdörfer und Handelsposten, in denen der Großteil der Bevölkerung lebt. Doch gleich ob seit alters her eingesessen oder erst seit einer Generation im Norden, der hiesige Menschenschlag zeichnet sich aus durch Robustheit, Willenskraft, Unabhängigkeit und Verschlossenheit sowie eine Nüchernheit des Geistes, die erst nach dem Genuss der Erzeugnisse der im Norden stark entwickelten Brau- und Branntkunst einer rauhen, aber sinnesfrohen Freundlichkeit weicht.
Ganz im Westen, an den schroffen Hängen und zerklüfteten Fjorden der Schwertküste finden sich die großen und bedeutenden Handelsstädte: Lautwasser, Leilon, Luskan, Niewinter und Port Llast. Die größte Stadt jedoch ist Tiefwasser, die "Stadt des Glanzes" und das "Juwel des Nordens". Sie ist nicht nur die größte Stadt des Nordens, sondern auch die womöglich mächstigste Stadt des gesamten Kontinents. Und hier, im Zentrum der Macht, liegt das Herz, die uneinenhmbare Festungsstadt der Wächter der Welt, von der aus die mächtigste Gruppierung des Nordens ihr Imperium errichtet.
Die Wächter der Welt sind ein mächtiger Orden von Kriegern, Klerikern und Händlern, der aus der Kirche des Wächters, des einzig überlebenden Gottes der Zeit der Verzweiflung, emporgewachsen ist. Der Orden besteht bereits seit vielen Jahrhunderten, zur führenden Macht des Nordens konnten die Wächter jedoch erst in Folge der Besiedlung des westlichen Kontinents Maztica, der Befriedung der Schwertsee und der Übernahme fast des gesamten Seehandels der nördlichen Küsten werden. Doch der Orden der Wächter ist nicht die einzige Gruppierung, die im Norden nach der Macht strebt. Aus dem fernen Osten, weit jenseits der ewigen Ödnis des Anauroch, drängt das Schwarze Netz und seine schwerbewaffneten Karawanen in die nördlichen Lande. Außer teuren Gewürzen, exotischen Stoffen und glücklosen Sklaven bringen sie vor allem Waffen und Söldlinge nach dem Westen, die bei den um ihre Unabhängigkeit bangenden freien Städte und Adelshäusern bereitwillig und zu hohen Preisen Absatz finden. Es sind diese unabhängigen Stadtstaaten und Kleinadligen, die mit meist nur einem guten Dutzend Bewaffneter und einigen Meilen Land unter ihrer Herrschaft derzeit noch das Machtgefüge im Norden prägen. Doch die beständig steigende Bedeutung der Wächter und des Schwarzen Netzes kündigen von tief greifenden Änderungen, denn auch die freien Städte und Fürsten sehen sich zunehmend gezwungen, dem Druck der wohl organisierten Krieger- und Handelsorganisationen des Westens und des Ostens durch Zusammenschlüsse und lokale Bündnisse zu widerstehen. Die drei wichtigsten und einflussreichsten dieser Bündnisse sind die Liga vom Purpurnen Schild, die sich vor allem aus Vasallen der Stadt Tiefwasser zusammensetzt, der Eiserne Bund, der neben der Hafenstadt Niewinter eine Reihe von kleineren Städten und Lehnsherren im Hinterland der nörlichen Schwertküste angehören, und die Konföderation der Mondlande, die sich um die Stadt Silbermond geschlossen hat.
In diesen sich anbahnenden Konflikten spielt Religion bislang nur eine Nebenrolle. In den Landen und Städten unter der direkten Kontrolle der Wächter und ihrer Verbündeten herrscht der Glaube an den Allessehenden Wächter vor, der am Tage mit seinem gleißenden Auge den Himmel durchzieht, auf der Suche nach Unrecht, Falschheit und Sünde. Auch unter den Edlen weiter abgelegen liegender Regionen des Nordens finden sich viele Verehrer der Lehren vom unnachgiebigen und rechtschaffenen Krieger für Recht und Ordnung, auch wenn diese Fürsten aus wohlverstandenem Eigeninteresse nur wenig Sympathien für die Wächterkirche hegen. Das einfache Volk jedoch hat seit der Zeit der Verzweiflung den uralten und doch nie verloren gegangenen Glauben an die schöpferische Kraft der Erdenmutter wiederentdeckt und praktiziert im Stillen die überlieferten heidnischen Rituale zu Ehren des Lebens und der Erde.
Montag, 22. Oktober 2007
Der Norden [Hintergrund]
Eingestellt von
Allvater
um
11:10
Kategorien Hintergrund
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